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Wolfgang Wenzel (1929 - 2021)

Wolfgang Wenzel (1929 - 2021)

Wolfgang Wenzel 2007 (Bild: Holm Wenzel)

Am 12.2.2021 verstarb im Alter von 91 Jahren der Sonneberger Astronom Wolfgang Wenzel. Er galt als Experte auf dem Gebiet der Veränderlichen Sterne und transienter Erscheinungen und war neben Gerold A. Richter einer der Verfasser der Folgeauflagen der Monographie “Veränderliche Sterne” von Cuno Hoffmeister.

Als astronomieinteressierten gebürtigen Sonneberger lag es für Wenzel nahe, den Kontakt zur örtlichen Sternwarte zu suchen. Bereits 1948 absolvierte er als Abiturient ein einjähriges Praktikum als wissenschaftlicher Hilfsrechner bei Cuno Hoffmeister. Beflügelt durch diese Erfahrung schrieb er sich an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena für Mathematik und Astronomie ein und schloss das Studium 1954 als Diplom-Astronom ab. Es zog ihn wieder in seine Heimatstadt zurück, und tatsächlich bekam er sofort eine Stelle im Hoffmeisterschen Institut, das fortan für Jahrzehnte seine wissenschaftliche Heimat werden sollte.

Im der durch Hoffmeister geprägten Forschungsrichtung Veränderliche Sterne spezialisierte sich Wolgang Wenzel zunächst auf junge Sterne, deren Lichtwechsel er traditionell mit Hilfe des Sonneberger Plattenarchivs untersuchte. Schnell wurde ihm klar, dass es durchaus sehr wünschenswert wäre, die Genauigkeit der Messungen zu steigern, und so beschäftigte er sich frühzeitig mit den technischen Möglichkeiten und Erfordernissen der lichtelektrischen Photometrie. Unter seiner Leitung wurden fortan Photometer in der Sonneberger Werkstatt gebaut und an verschiedenen Instrumenten der Sternwarte jahrzehntelang eingesetzt.

In den Jahren 1957-59 hielt sich Wenzel mehrfach an der Heidelberger Sternwarte auf dem Königstuhl mit dem Ziel auf, am Bruce-Astrographen Reihenaufnahmen verschiedener Felder durchzuführen, die die Felderplanuntersuchungen in Sonneberg unterstützen sollten. Dies war notwendig geworden, da der erste große Sonneberger Astrograph nach dem Krieg als Reparationsleistung in die Sowjetunion auf die Krim verlegt worden war. Ein Angebot des Heidelberger Sternwartendirektors Hans Kienle für eine dauerhafte Anstellung dort schlug Wenzel aus.

Im Jahre 1959 vollendete er seine Dissertation über “Einige Eigenschaften der unregelmäßig veränderlichen Sterne geringer Leuchtkraft” und wurde damit 1961 an der Jenaer Universität promoviert. Während Hoffmeister in den 1960ern weiterhin systematisch und mit reicher Ausbeute die aufgenommenen Felder nach neuen Veränderlichen absuchte, zeigte Wenzel eher Interesse an detaillierten Untersuchungen von Veränderlichen, insbesondere an Sonderfällen und Objekten, die auch in anderen Spektralbereichen untersucht worden sind. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang besonders der von Hoffmeister entdeckte Stern HZ Herculis, der sich als das optische Pendant der durch den UHURU-Satellit entdeckten periodischen Röntgenquelle Her-X1 1971 entpuppte. Zusammen mit dem tschechischen Astronomen Rene Hudec untersuchte Wenzel die verschiedenen optischen Aktivitätszustände des Objekts, dokumentiert durch Sonneberger Platten, in Zusammenhang mit den Röntgen-Daten.

Nach dem Ableben Hoffmeisters 1968 und der Eingliederung der Sternwarte Sonneberg in das neugegründete Zentralinstitut für Astrophysik mit Sitz in Potsdam wurde Wolfgang Wenzel wissenschaftlicher Leiter in Sonneberg. Eine entsprechende Einstufung als Abteilungsleiter und damit Direktor der Sternwarte wurde jedoch durch intrigante Aktivitäten Inoffizieller Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes hintertrieben und letztlich verhindert. Dennoch war Wenzel de facto der Leiter der Einrichtung, der sich auch dem damals steifen politischen Wind erfolgreich entgegensetzte. Im Zuge der Reform der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin drohte 1969 die Schließung der Sternwarte. Dieser geplante Tod auf Raten begann mit einem Beobachtungsverbot an den Teleskopen der Sternwarte. Wenzel widersetzte sich jedoch dieser Anordnung und verhinderte damit eine schmerzhafte Lücke oder gar den Abbruch der damals schon Jahrzehnte überdeckenden photographischen Beobachtungsreihen. Letztlich gab sich die Führung in Potsdam geschlagen und hob das Verbot wieder auf.

An anderer Stelle waren die politischen Gewalten jedoch übermächtig. Bis Ende der 1960er Jahren waren zahlreiche Astronomen der DDR auch Mitglied der Astronomischen Gesellschaft. Auf Anweisung der Leitung des Zentralinstituts hatten 1969 jedoch alle Mitglieder ihren Austritt zu erklären, so auch Wenzel, der im Begriff war, für den Vorstand der AG zu kandidieren.

Die 1970er Jahre waren dennoch geprägt von zahlreichen internationalen Kontakten, vorwiegend mit anderen Sternwarte in Osteuropa, wie etwa in Ondrejov in der Tschechoslovakei, Byurakan in Armenien, Roschen in Bulgarien oder Konkoly in Ungarn. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeiten wurde Wenzel 1973 zum Vizepräsidenten der Kommission 27 (Veränderliche Sterne) der IAU gewählt. Als er dann 1976 sogar zum Präsidenten der Kommission gewählt werden sollte, schritt wieder die politische Exekutive ein. Die Potsdamer Leitung und diesmal auch die SED-Kreisleitung Sonneberg verboten diesen Schritt. Fortan wurden die Forschungsbedingungen noch weiter eingeschränkt: im Jahre 1981 entzog die Leitung Wenzel den Status als Reisekader, so dass er nun nicht mehr nur nicht reisen, sondern auch Besucher aus dem westlichen Ausland nicht mehr allein betreuen durfte.

Auch wenn diese Zeit widerwärtiges Beiwerk bereithielt, so waren es dennoch produktive Jahre für Wolfgang Wenzel. Einige hundert Publikationen gehen auf seine Autoren- oder Koautorenschaft zurück. So veröffentlichte er zum Beispiel 1961 den ersten Beitrag im internationalen Information Bulletin on Variable Stars, einer Art Veränderlichen-Telegramm, das bis 2019 erschien. Besonders hervorzuheben ist die Fortführung der Hoffmeisterschen Monographie “Veränderliche Sterne”, die in zweiter (1976) und dritter (1990) Auflage mit Wolfgang Wenzel und Gerold A. Richter als Koautoren erschien und ins Russische und Englische übersetzt wurden. 1991 brachte Wenzel zusammen mit der Photolaborantin Inge Häusele den “Sonneberger Photographischen Atlas” heraus, hervorgegangen aus den besten Photoplatten der Sonneberger Himmelsüberwachung. Die Publikation war nicht zuletzt als Pendant zum im Westen gut bekannten, jedoch im Osten schwer erhältlichen Falkauer Atlas oder Atlas Stellarum von Vehrenberg gedacht.

Besonders hervorzuheben sind Wenzels Bemühungen, die Photometrie von insbesondere jungen Sternen auch im Infraroten durchzuführen. Mit Hilfe der Werkstatt der Sternwarte wurde an einem der beiden 60-cm-Teleskope mit gekühlten Detektoren experimentiert. Nicht zuletzt durch die problematische Lage technische Geräte in der DDR zu beschaffen, kamen diese Arbeiten nach mehreren Jahren zum Erliegen, bevor geplante Routine-Beobachtungen an anderen Standorten im Ausland gestartet werden konnten.

Hinsichtlich des Instrumentariums der Sternwarte gelang Wolfgang Wenzel noch ein besonderer Coup. In den 1960ern, als die Raumfahrt einen Höhepunkt nach dem anderen erreichte, plante das DDR-Fernsehen ein Fernsehteleskop nahe Berlin zu errichten. Die Firma Carl Zeiss in Jena lieferte ein 600/7500-mm-Cassegrain-Teleskop, das allerdings nur einmal zum Einsatz kam und danach über mehrere Stationen in Potsdam gelagert wurde. Wenzel bekam davon Kenntnis und bemühe sich erfolgreich, dieses Teleskop nach Sonneberg zu bekommen.

In den 1980ern verlagerte sich Wenzels Interessens- und Arbeitsgebiet auf kataklysmische Veränderliche, die durch das Aufkommen satellitengestützter Beobachtungen in nicht-optischen Spektralbereichen intensiv untersucht werden konnten. So startete Wenzel eine internationale Multi-Wellenlänge-Kampagne zur Beobachtung von TT Arietis, an der sich zehn Sternwarten beteiligten. Er entwickelte eine unglaubliche Geschicktheit darin, mit den langjährigen Beobachtungsreihen des Sonneberger Archivs weitere entscheidende Fortschritte beim Verständnis der kataklysmischen Veränderlichen zu machen. Rückblickend könnte man ihn als einen von vielen geachteten pragmatischen Pionier der “multi-wavelength astronomy” betrachten, die erst viel später, ab Mitte der 90er Jahre, zu einiger Breitenwirkung gelangte.

In Fortsetzung dieser Aktivitäten ist auch sein besonderes Engagement bei der Identifikation von optischen Gegenstücken zu Gamma-Ray-Bursts zu sehen. Als Mitte der 1980er Jahre der Vorschlag an ihn herangetragen wurde, im Sonneberger Photoplatten-Archiv besonders gut lokalisierte Gamma-Ray Bursts nach optischen Transients abzusuchen, hatte Wolfgang Wenzel schon die ersten GRBs selbst auf einigen hundert Platten untersucht. In den folgenden Jahren – bis zur Entdeckung des Nachleuchtens von GRBs im Jahre 1997 – intensivierte Wenzel zusammen mit jüngeren Kollegen die Arbeit auf diesem neuen Forschungsgebiet. Dies führte schließlich zur erstmaligen Anwendung der Auflichtmikroskopie bei der Untersuchung von Photoplatten und der Entdeckung von klaren topologischen Strukturen, mit denen sternähnliche Defekte in der Emulsion von Photoplatten aufgespürt werden können.

Für viele, vor allem jüngere Mitarbeiter war Wolfgang Wenzel auch ein Lehrer mit reichhaltiger Erfahrung im Umgang mit Photoplatten und Techniken der Helligkeitsmessung bis hin zur selbstkritischen Analyse der wissenschaftlichen Arbeit und der Interpretation der Ergebnisse. Charakteristisch waren seine grundsätzlich kritische Haltung und seine diebische Freude über – auch eigene – frühere Missgeschicke und fehlgeleitete Interpretationen. Manchmal kippte sein lakonischer Witz auch in Zynismus, der seinen Schmerz über die durch die Leitungs-Willkür zugefügten Wunden offenbarte, doch er schien die ihn umgebenden politischen Rahmenbedingungen akzeptiert zu haben. So war er keineswegs vergrämt, sondern trat einem als “glücklicher Mentor” entgegen, der sich über jeden wissenschaftlichen Eifer freute und diesen auch honorierte. Zahlreichen Amateurastronomen war Wenzel ein wohlwollender, aber auch kritischer Brief- und Gesprächspartner.

Wie viele im Osten verband auch Wolfgang Wenzel mit der politischen Öffnung 1989 die Hoffnung auf eine Verbesserung der technischen Möglichkeiten durch den Einsatz von moderner Computer-Technik für die Beobachtung und Auswertung. Doch die Hoffnung währte nicht lange – die Evaluierung der Sternwarte durch den Wissenschaftsrat wurde vom neu gegründeten Thüringer Wissenschaftsministerium als eine willkommene Gelegenheit genutzt, Kosten zu sparen und mit der Etablierung von Tautenburg als Thüringer Landessternwarte das Aus für Sonneberg einzuleiten. Für Wolfgang Wenzel war dies ein bitteres Ende und mehr als Enttäuschung. Für ihn war sein Lebenswerk zerstört, als zeitgleich mit seinem Eintritt in den Ruhestand die Schließung der Sternwarte beschlossen wurde. An dem 1994 in Sonneberg durchgeführten IAU-Colloquium “Flares and Flashes”, welches ihn und seinen langjährigen Kollegen Gerold A. Richter zu deren 65. Geburtstag ehren sollte, nahm Wenzel nicht teil.

Schon vor der Wende galt sein Freizeit-Engagement dem Naturschutz, dem er sich nun ausgiebig widmete. Insbesondere als ausgewiesener Kenner einheimischer Vögel und ihrer Stimmen organisierte er regelmäßig Vogelzählungen. Auch die Mahd von Bergwiesen lag ihm am Herzen, um verschiedene Pflanzenarten wie Orchideen und Frühlings-Enzian zu erhalten. Wenn er auch in seiner Dienstzeit wenig verreiste, so besuchte er in 1990ern doch mit seiner Frau zwei Mal die Cuno Hoffmeister Memorial Sternwarte in Namibia.

Wolfgang Wenzel war seit 1956 mit Ursula Schubert verheiratet, die bereits 2016 verstarb. Die Familie hatte eine Tochter und drei Söhne.

Im Jahre 2005 wurde der Asteroid (58607) Wenzel nach ihm benannt.

Sonneberg, 2.5.2021

Peter Kroll, Jochen Greiner, Rene Hudec